Ninas Reise
Von Corinna Mies

Es war Winter. Nina war unterwegs auf einem Spaziergang. Nina fühlte sich alt, kraftlos. Sie fühlte sich älter als sie eigentlich mit ihren 36 Jahren war. Hatte sie eigentlich etwas erreicht. Blieb ihr noch Zeit Versäumtes nachzuholen?
Sie ging an einer Wiese entlang. Hin und wieder kam sie an knorrigen Bäumen vorbei, die ihre blattlosen Zweige zum Himmel empor streckten, ins dunkle Blau. Nina folgte mit ihrem Blick den Ästen in Richtung Himmel. Da waren ja Sterne, viele gelbe strahlende Sterne. Ein wundervoller Anblick.
Ninas von der Trauer hängenden Schultern strafften sich etwas. Sie sah hinauf zu den Wolken und den Sternen. Obwohl sie sich noch verknöchert vorkam konnte sie sich doch noch freuen, freute sie sich. Ach wenn doch nur eine Sternschnuppe herunterfiele dann könnte sie sich ja was wünschen.
Klar was, das fiel ihr sofort ein. Ach könnte ich doch nur 10 Jahre jünger sein. Im stillen bedachte sie dabei, dass bei der Unendlichkeit und Dauer der Sterne und der Welt 10 Jahre doch nur eine kurze Zeit wäre. Fast tröstete sie der Gedanke.
Ach aber keine Sternschnuppe fiel. Aber was, hatte sie nicht da etwas gehört. Eine feine leise
Stimme sprach sie an. "Nina, Nina, warum nur so traurig. Nina, Nina deinen Wunsch kann ich dir leider nicht erfüllen. Dennoch soll er nicht vergebens sein. Suche den Mond und du begibst dich mit mir auf eine Reise, wenn du willst und du so mutig bist." Nina zögerte etwas. Was war das?
Stimmen hatte sie ja zum Glück noch nie gehört. Sie litt zwar unter Psychosen und hatte vor allem beim Schwarzsehen eine ziemlich rege Phantasie, aber .... Wer war das? Wer spricht da nur mit mir?
dachte sie und flüsterte es fast. "Ich bin die freundlich gesinnt. Vertrau mir." sprach die Stimme.
"Du wirst auf der kleinen Reise, die wir unternehmen herausfinden wer ich bin. Suche den Mond"
Nina merkte wie ihre Augen feucht wurden. Nein, so was. Verflixt, bin ich denn schon wieder
verrückt. Alt, verknöchert seltsam. Aber. Was soll ich nur machen? flüsterte sie. "Suche den Mond."
Mond, wo war der Mond. Die Stimme klang zu freundlich. Etwas neugierig war sie. Gut, "Ich suche den Mond." flüsterte sie und da sah sie ihn schon. Der Mond, eine Sichel lag auf einer hellen Wiese im frühlingsgrünen Gras, gleich vor einem Haus, das fröhlich helle Rauchwolken in die Luft blies.
Das Haus kam ihr etwas merkwürdig vor, es war so, als ob sie es schon einmal gesehen hatte.
"Nina", die Stimme war schon etwas lauter. "Schau näher hin. Das Haus ist ein Haus deiner
Kindertage. Du hast es selber gemalt. Als Häuser für die noch echte Entdeckungen waren. Komm hinein und sie aus dem Fenster hinaus. Was siehst du?" Sie sah den Mond .. Aber als sie näher hinsah, erkannte sie, er sah aus wie eine Wiege. "Siehst du Nina? Das war eine Geburt für dich. Die Geburt in diese andere Welt. Schau dich in dieser Welt um. Gefällt es Dir in diesem Haus? Fühlst Du Dich geborgen. Wenn Du Dich umgesehen hast und Du dich ausgeruht hast lass uns einen Spaziergang machen. Nina sah aus dem Fenster auf die Frühlingswiese und kam sich plötzlich
schon viel jünger vor. Sie sah den Mond, wie er auf der Wiese lag aus einem Fenster, aus einem anderen Fenster, sah sie eine große Blume. Boh, war die riesig. Die musste ja größer als das Haus sein, die möchte ich mir vom Nahen ansehen. Doch bevor sie sich auf den Weg machte, trank sie noch etwas von dem Tee, der auf einem kleinen Ofen im Wohnzimmer stand. Dann ging sie aus dem Haus und wusste gleich wo sie hinwollte, zu der Blume, ja zu der Blume. Sie freute sich auf sie und ... Aber wo war eigentlich die Stimme " Nina." hörte sie. Sie war wohl nicht allein.
Bald stand sie vor der großen Blume. Sie war wirklich riesig und hatte purpurrote Blätter, die wie Windmühlenflügel aussahen, genau neun. Die Blume erschien ihr wie ein riesiges Windrad. Kräftig und energievoll. "Nina, weißt Du was das ist". "Nina, daher kommt Deine Energie Deine Lebensenergie", sprach die Stimme. Da staunte Nina, das konnte doch gar nicht sein. Fühlte sie sich nicht kraft und energielos. Ach was, fühlte, Momentan fühlte sich sich schon bei weitem frischer.
Frage die Blume. Und Nina fragte die Blume und Nina verstand. Das war wirklich ihre
Lebensenergie und sie war kraftvoller als sie sich sie tatsächlich vorgestellt hatte. Nur war diese Blume ganz Natur und wie in der Natur gab es Ruhe und Wachstumszeiten. Je älter sie wurde ums so mehr Blätter hatte die Blume. Es gab Zeiten, da wuchs ein neues Blatt so, dass die Blume sich
nur vorsichtig drehen konnte. Sie reifte und brauchte zum Reifen Zeit. Je größer sie wurde, um so mehr Energie produzierte sie, auch wenn es nicht immer so quirlig aussah wie bei einem Windrad mit nur wenigen Flügeln. Manchmal blies der Wind kräftiger, mal weniger. Aber auch, wenn es mal nicht so hoch einhergeht, so war die Blume an sich kräftig, die Energie da und gespeichert. Und nicht immer waren die Umstände schlecht und der Wind rar, sondern es gab immer wieder Zeiten, wo sich die Energieblume kräftig drehen konnte. Das verstand Nina.
Sie ging weiter und kam an einem Wurm vorbei der sich neugierig einen großen Wassertropfen ansah. Oder war es ein See. Nina kam mit den Größenverhältnissen nicht ganz so zurecht. Da war wohl der Wurm drin lachte sie und der Wurm zwinkerte ihr freundlich zu. Dann kam sie an zu einem großen Samen, der schon Wurzel trieb und ein kleines Blatt spross auch schon aus seiner Seite. "Das ist einer Deiner vielen Samenkörner, die Du im Leben pflanzt und gepflanzt hast." sagte die Stimme. "Du bist manchmal so verzweifelt, weil Du meinst, Du hättest nicht viel erreicht. Dann siehst du die Deine Pflanzen und Samen nicht mehr. Manche der Samen sind noch in Deinem Inneren verborgen und reifen und warten nur auf eine günstige Gelegenheit aufzugehen. Manche sind noch jung und bedürfen gepflegt zu werden, so wie dieses junge Samenkorn. Dieses könnte eine Geschichte sein, die Du schreibst, vielleicht die Geschichte dieser
Reise. Was hältst Du davon?". Nina überlegte. Für sich betrachtet sah sie einige der Samen, die sie gepflanzt hatte, ihr Studium. die Arbeit mit den Patienten in der Rehaklinik, ihr neustes Projekt - die
Umschulung. Alles Samen oder Pflanzen, die an sich wertvoll waren und für sich stehen konnten.
"Nur eins darfst du nicht machen" hörte sie "Du darfst die Pflanzen und Samen nicht mit dem
vergleichen, was du von den Pflanzen und Samen anderer Menschen siehst. Damit tust du ihnen unrecht. Jede stehst dar für sich. Weißt Du eigentlich wie viele und welche noch in Deinem Inneren verborgen stehen, und weißt Du auch zu welchen Pflanzen sie noch heranreifen, wenn ihre Zeit
gekommen ist? Nein das weißt Du nicht, also urteile bitte nicht?
Als sie weiterging kam ein braunes Tier daher. "Hallo, wer bist Du denn?" fragte Nina, schon
mutiger geworden. "Hallo" sagte das Tier" Ich bin Anin. Ich freue mich Dich zu zu sehen. Was hast Du für schöne grüne Augen. Spielst Du mit mir. Lass uns fangen spielen." Und das Tier rannte hin und her und Nina hinterher." "So noch kurz bevor Du weitergehst. Nimm die Dinge nicht immer so ernst und verkniffen. Lass sie einfach auf Dich wirken und frage nicht ob sie Dich weiterbringen.
So wie unser Fangenspiel. Das war einfach ein Produkt Deiner Lebensfreude. Hat doch Spaß
gemacht. Oder? "Klar" sagte Nina, noch nach Atem ringend "und danke und alles Gute noch auf dem Weg".
Nina musste lachen. Das war doch zu komisch, da war doch wirklich eine Flasche mit einem Geist darüber, einem richtigen Flaschengeist. Er lächelte ihr zu und sie lächelte zurück. "Wohnst Du wirklich in der Flasche?" wollte Nina wissen. "Ja sagte der Geist und ich fühle mich meistens sehr wohl darin, nur darfst Du sie nicht zu sehr schütteln und zu viel Druck machen. Dann wird mir
richtig schlecht. Wenn das passiert, bringe ich alles Durcheinander und ich werde richtig groß und erschrecken. Dann würde ich Dir sehr viel Angst machen? Du kennst mich ich habe Dich schon
manches mal dann ziemlich verwirrt? "Wirklich ich kenne Dich?" "Ja" meinte der Geist, ich bin
jetzt nur ein kleiner Geist aber erschreckt und und beunruhigt habe ich Dich als Psychose." Nina trat gleich einen Schritt zurück. Damit wollte sie eigentlich nichts zu tun haben. Gerade jetzt nach dem lustigen Spiel mit Anin, wollte Sie nicht daran erinnert werden. Wollte der Geist als Psychose ihr wirklich alles wieder verderben. "Nein keine Angst. Du darfst nur nicht so viel Druck in der Flasche aufbauen. Außerdem passt die Schlange auch auf mich auf, damit ich nicht wieder über mich selber hinaus wachse. Sie ist eine Medizinschlage und ihr Gift hilft mir in Form zu bleiben. Und
tatsächlich sah sie in dem halbdurchsichtigen Geist auch ein wenig von der Farbe der Schlange, die sich über gleich in seiner Nähe befand. Das beruhigte sie etwas. Und eigentlich sah der Flaschengeist auch eher lustig als erschreckend aus, wie er so verschmitzt in die Welt raus sah.
Etwas weitergekommen hörte Nina ein Summen in ihrem Ohr. Da kam ein flügelschlagendes gelbes Insekt daher. "Hallo" sagte das Insekt. "Ich bin nur eine Idee von Dir. Etwas was Du Dir gerade ausgedacht hast. Du hast viele lebendige Ideen in Dir und bist nicht verknöchert, wie Du von Dir selber annimmst. Komm schau mir nach wie ich durch Deine Welt summe": Und die Idee flog hierhin und dahin und summte laut vor Vergnügen."
Langsam wurde der Boden, auf dem Nina ging, braun und modrig. Es war feucht und es roch
muffig. Richtig wohl fühlte sich Nina nicht. Irgendwie wirkte der Boden abgestanden und schon gar etwas sumpfig. "Das ist der Grund auf dem du Dich befindest, wenn Du wieder zu viel grübelst und verzweifelt bist." sagte die Stimme. "Du musst aufpassen, dass Du nicht versinkst und Deine schöne Kleidung über und über mit dem Morast voll geschmiert. Richtig rauskommst Du nur wenn Du Dich der schönen Dinge gewahr wirst, die Dich umgeben und Du erlebst oder erlebt hast." Nina stapfte missmutig vor sich hin, es war doch all zu sumpfig hier. Was sollte da schon schönes zu sehen sein. War denn alles wertlos und vergebens hier. "Nein, wenn Du genau hinsiehst, wächst hier auch etwas." Und genau, sie sah Pilze die aus dem Boden sprossen."Mmh, Pilze, die sind bestimmt lecker" dachte Nina. Ein richtig positiver Gedanke und schon kam sie etwas aus dem Sumpf raus.
Und von der kleinen Erhebung, die sich gebildet hat, konnte sie das Haus und den Mond auf der Wiese sehen und sie gelangte wieder auf das frühlingsgrüne Gras.
"Jetzt ist es Zeit wieder zurückzukehren". sagte die Stimme. "Halt" sagte Nina "Du hast mir
versprochen, mir zu sagen, wer Du bist." "Ich bin tatsächlich Deine eigene Weisheit, deine eigene Stimme, die zu Dir spricht und die Partei für dich einnimmt. Wenn Dich das enttäuscht, kann Du Dich mich ja als die alte Frau vorstellen, die Du bist, wenn Dein Lebensabend wirklich gekommen
ist. Ich bin diejenige die für Dich sprichst und die du häufig nicht hören willst. Versprich mir, dass Du mir nun häufiger zuhörst."
"So nun ist die Zeit gekommen zu gehen, sie wird dich zurückgeleiten:" Und Nina sah eine
Schnecke, die ein genüsslich ein Salatblatt kauend die Wiese hinunter kroch. "Das ist die Zeit und du brauchst Dich nicht so vor ihr zu erschrecken. Du hast noch so viel von ihr. Wenn Du meinst, sie wäre zu schnell oder zu langsam musst Du wissen, sie kaut in aller Gemütsruhe an ihrem Salatblatt.
Halte Dir dieses Bild vor Augen. Nina folgte der Schnecke und gelangt wieder zurück auf die Wiese im Winter unter dem Sternenzelt, wo sie ihre Reise begann und gelangte von da auf erfrischt und gestärkt und nun gar nicht mehr traurig nach Hause.