Satire

 

Satire


 

Goethe ist stärker als Zyprexa !

Ich sollte keine Satiren mehr schreiben. Immer wieder kommt es vor, dass mich die Realität dabei einholt.
Was im Text übertrieben, zugespitzt, ins Ironische gedreht oder schlicht frei erfunden war, finde ich eines Tages
als halb oder ganz ernsthafte Angelegenheit in der Wirklichkeit wieder.

Ein solches Ding hat sich die Firma Lilly mit ihrer letztjährigen Zyprexa-Werbung geleistet.

Drei Klappkarten, bunt, einer ärztlichen Karteikarte nachempfunden, mit der Aufschrift:
„Stellen Sie sich einmal vor, ..... sitzt in Ihrem Sprechzimmer“.In der Lücke die Namen von drei berühmten Künstler/innen:
Robert Schumann, Virginia Woolf, und, da Lilly nicht unter zu geringem Selbstwertgefühl leidet (Größenwahn?), beläßt man es nicht bei diesen beiden, die zugegebenermaßen bereits zu Lebzeiten psychiatrisch auffällig wurden, sondern wagt sich an den Olymp und macht auch den Dichterfürsten Johann Wolfgang von Goethe zum Patienten.

Im Innern der Klappkarte wird ein ärztliches Gespräch mit diesen Personen geschildert, aus dem klar hervorgehen soll, dass die jeweils Beschriebenen psychiatrisch krank im modernen Sinne seien. Und dann wird, weil alles seine Ordnung haben muss, eine Diagnose nach ICD-10 gestellt.

Robert Schumann beispielsweise: F 31.6. Bipolare affektive Psychose, gegenwärtig gemischte Episode.
Für alle drei wird natürlich die Einnahme von Zyprexa empfohlen.
Lilly hat sich also auch des unaussprechlichen Themas „Genie und Wahnsinn“ bemächtigt, an dem wir Psychiatrie-Erfahrenen uns manchmal gern hochziehen, weil wir das dann auch nötig haben. Ich habe versucht, das als Scherz aufzufassen, vielleicht ist alles humorig gemeint- aber dazu ist das Thema eigentlich zu ernst. Die Werbung für dieses Psychopharmakon ist jedenfalls durchaus ernst gemeint. Aber welches Resultat zeitigt das hier! So wird beispielsweise beschrieben, welches „gute Ergebnis“ die Medikamentenbehandlung bei Virginia Woolf haben würde:
“sie...konzentriert sich auf erreichbare Ziele. So kann sie kleinere Tätigkeiten im Haushalt bewältigen.“ Klar. Das ist das oberste Lebensziel für Frauen.
Ach nein, für Psychiatrie-Erfahrene. Von Schriftstellerei ist natürlich keine Rede mehr, sondern „Sie übernimmt wieder ihren Part im Familienleben“.
Mir tut das richtig weh, diese Schriftstellerin, die doch genug gelitten hat, besonders als schreibende Frau, und wohl auch unter ihren Familienverhältnissen, hier noch einmal derartig verwurstet zu sehen.
Vielleicht würden die Werbestrategen von Lilly mal ein paar kleinere Hausarbeiten bei mir erledigen. Meinen Staubsauger könnten sie dann auch gleich reparieren.
In Robert Schumanns Therapie-„Erfolg“ ist natürlich vom Komponieren ebenfalls keine Rede mehr, und beim Thema Goethe wird der Arzt beruhigt:
„Gemeinsam schaffen Sie es, dass sein Leben und das seiner Familie in ruhigeren Bahnen verläuft. Goethe hat wieder Hoffnung und Perspektive.“
Aus den Wolken über mir bricht dröhnendes Gelächter hervor. Ich nehme aber an, Goethe ist stärker als Zyprexa. oder wie hätte sonst wohl der „Faust“ ausgesehen?
„Hier steh‘ ich nun, ich armer Tor, fühl‘ mich viel dumpfer als zuvor?“ Die berühmte Gretchenfrage wäre schon vor zweihundert Jahren dieselbe wie heute überall in der Psychiatrieszene gewesen: „Wie hältst Du’s mit den Medikamenten?“
Nur Faust II wirkt weiterhin unverständlich. Literaturhistoriker vermuten, beim Schreiben jenes Stückes habe J.W.v.G. das Zyprexa abgesetzt.

Ich schreibe keine Satiren mehr. Nie, nie wieder. Die Realität ist eine Satire.



Sibylle Prins